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Dänemark: Der neue Musik-Exporteur PDF Drucken E-Mail
Dänemark: Der neue Musik-Exporteur
29.11.2007 | Julia Wagner (Die Presse - Schaufenster)

Lange war Dänemark ein eher unbeschriebenes musikalisches Blatt. Das soll sich nun ändern. Seit David Bowies Lieblingsband aus Dänemark kommt, wird es Zeit, Schweden als Musik-Exporteur den Rang abzulaufen.

Ein bisschen seltsam ist das schon. Mit Roskilde hat Dänemark eines der ältesten und beständigsten Festivals der Welt, das sich seit dem Beginn 1971 zu einem der größten Musikereignisse der Welt entwickelt hat. Und trotzdem kennt kaum jemand Musik made in Denmark. Jetzt mal abgesehen von Aqua, die mit ihrem nervtötenden Hit „Barbie Girl“ noch den längsten Schatten im dänischen Musikbusiness geworfen haben. Da half auch der ganze Skandinavien- Musik- Hype bisher nicht viel. Dänische Musiker werden gerne mal etwas außen vor gelassen und das sogar in Roskilde.

Vielleicht ist ja Jantelov ein bisschen schuld daran. Das ist dänisch und heißt soviel wie Uneitelkeit. Und die ist im Land von Hamlet ein ungeschriebenes Gesetz. „Du darfst nicht zu viel von dir selbst halten“, erklärt Rasmus Walter Hansen, Frontmann der dänischen Band Grand Avenue, „vor allem darfst du nicht denken, dass du besser als jemand anderer wärst. Du läufst hierzulande nicht durch die Gegend und erzählst, dass du dich für die fucking beste Band der Welt hältst. Mach das hier und du kannst sicher sein, dass dich die Leute dafür hassen werden“. Vielleicht ist das also der Grund, warum Dänemark in Sachen Musik bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte ist. Uneitelkeit verkauft sich nicht so gut.

Weltberühmt – daheim

In Schweden, das um die Ecke liegt, gibt‘s dagegen Bands wie Mando Diao, die gleich am Anfang ihrer Karriere öffentlich festgestellt hatten, besser zu sein als Oasis, die Beatles und Rolling Stones zusammen und so für jede Menge Schlagzeilen sorgten. Schweden gilt jedenfalls, im Gegensatz zu Dänemark, als der große Popmusik-Exporteur Skandinaviens. Doch das scheint sich nun ein wenig zu ändern. Immer mehr neue Bands kommen von der Halbinsel oder sind gerade dabei, den Sprung zu internationaler Bekanntheit zu schaffen. Denn viele gelten in der eigenen Heimat schon längst nicht mehr als Geheimtipp.

Grand Avenue ist eine von ihnen. Die vier Musiker aus Kopenhagen, die sich vor zehn Jahren auf der London School of Music kennenlernten, füllen regelmäßig heimische Hallen, während sie im Rest von Europa gerade als Newcomer gehandelt werden. Ein wenig hat es wohl zuhause auch geholfen, dass Frontmann Rasmus Walter Hansen mal mit dem dänischen Topmodel Helena Chris-tensen liiert war. Das sorgte in der dänischen Presse immerhin für jede Menge Publicity. Aber darüber redet die Band heute nicht mehr so gerne. Immerhin sei das auch schon wieder drei Jahre her und somit Schnee von ges-tern. „Der Band hat das nicht besonders viel geholfen. In jedem Artikel über uns wurden immer zwei Seiten über Helena Christensen geschrieben und zwei Zeilen über Grand Avenue“, sagt Bassist Marc Stebbing. Jetzt machen sie lieber Schlagzeilen mit ihrem dritten Album „The Outside“, das in seinem Pathos ein klein wenig an U2 oder Coldplay erinnert.

Es ist das erste, das auch international veröffentlicht wird. Was aber vor allem mit einer Kündigungswelle ihres Plattenlabels zu tun hatte. Es gab damals einfach plötzlich niemanden mehr, der dafür zuständig war, ihre letzten beiden Platten zu promoten. Das holen die vier nun mit zahlreichen Auftritten von Europa bis Malaysien nach. In Roskilde haben sie allerdings noch immer nicht gespielt. „Uns hat noch nie einer gefragt. Es sind leider auch ziemlich wenige dänische Bands, die dort auftreten. Ich schätze mal, es sind höchstens so zwölf bis 14 Bands von 180“, klagt Rasmus Walter Hansen. Ihre Landsmänner Saybia, mit denen sie demnächst im Wiener Flex auftreten, gehören zu den wenigen, die es geschafft haben. 2004 durften sie ihr zweites Album „These Are The Days“ in voller Länge für 25.000 Zuseher spielen. Pünktlich zu ihrem letzten Album wurden sie in Dänemark dann auch zur Band des Jahres gewählt, was sie gerne ein wenig herunterspielen. Das hat wohl wieder was mit Jantelov zu tun. „Wir sind auch in Dänemark nicht mehr so große Stars wie bei der Veröffentlichung unseres letzten Albums. Wenn du in deiner Heimat wirklich groß sein und bleiben willst, musst du viel Zeit dort verbringen und wirklich viele Alben veröffentlichen, vielleicht alle zwei Jahre“, so Sänger Søren Huss. Mit ihrem dritten Album „Eyes On The Highway“ dürften sie allerdings nicht nur bei den Dänen in Erinnerung bleiben.

Während dänische Filmemacher wie Lars von Trier mit Dogma ihren eigenen Stil kreiert haben, kann man allerdings kaum so etwas wie einen typisch dänischen Sound ausmachen. Die einzige Gemeinsamkeit ist wohl, dass keiner so wirklich dänisch klingen will. Nicht einmal beim Singen. „Die englischen Produzenten können mir wenigstens sagen, wenn ich etwas falsch ausspreche“, so erklärt Grand Avenue-Sänger Hansen, warum sie sich U2-Produzent Richard Rainey holten. „Ein Akzent beim Sprechen ist ja okay, aber wenn ich singe, will ich nicht klingen wie ein ,Scando‘“, so Hansen weiter. Saybia ließen ihre Platte von Ryan Hewitt mixen, der auch für den Sound der Red Hot Chilli Peppers zuständig ist und Kashmir arbeiteten für ihre letzte Platte „No Balance Palace“ gleich mit all ihren Jugendidolen zusammen.

David Bowie singt einen Vers im Song „The Cynic“, Lou Reed rezitiert ein selbst geschriebenes Gedicht von Kashmir-Sänger Kasper Eistrup und Bowies Ex-Produzent aus der Zeit seiner Berliner Jahre, Tony Visconti, übernahm so ziemlich den Rest. Auch die drei Schulfreunde aus dem kleinen Dorf Vjestbjerg klingen mit ihrer Band Figurines eher nach amerikanischem Indierock der 90er, der auf amerikanische Popmusik der 60er-Jahre trifft, was auch hierzulande auf offene Ohren stößt. Ihr Song „Hey Girl“ der aktuellen Platte „When The Deer Wore Blue“ ist mittlerweile regelmäßig auf FM4 zu hören. Die alternative Noiserockband Death By Kite muss sich noch damit zufriedengeben, bisher nur im dänischen Radio rauf und runter gespielt und von der dortigen Presse hochgejubelt zu werden, die sie zu den Hoffnungsträgern der heimischen Indie-Szene hochschrieben. Ihnen wird noch der eigenständigste Stil von allen nachgesagt, auch wenn sie offesichtlich gerne Anleihen bei 80er-Jahre-Größen wie Joy Division nehmen.

Auch ein Dogma

Nur die Raveonettes haben es mal mit einem Dogma in Sachen Musik probiert. „Ich schätze mal, ich war von der Bewegung beeinflusst, die ungefähr zur gleichen Zeit auftauchte wie wir. Die Leute haben damals Regeln aufgestellt, nach denen gedreht werden durfte. Also haben wir Regeln für die Musik aufgestellt. Wir haben alle mit den drei gleichen Akkorden aufgenommen und alle Songs mussten wirklich kurz sein, so zwei oder drei Minuten“, erklärt Säger und Songschreiber Sune Rose Wagner. Blöd nur, dass das Duo, seitdem es Kopenhagen den Rücken gekehrt hat und nach New York ausgewandert ist, zwar in den USA und Europa geschätzt, aber gerne auch mal für eine US-Band gehalten wird. Die Grenzen dänischer Euphorie endgültig zu sprengen, ist ein Ziel, das Bands wie Grand Avenue oder Saybia dagegen noch vor Augen haben. Irgendwann muss nämlich auch einmal Schluss sein mit diesem Jantelov.