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Mit Dänen muss man rechnen

Die Band Grand Avenue wird mindestens so groß wie Coldplay.
U_mag ist nach Kopenhagen gefahren, um ihnen ihr Geheimnis
zu entlocken. Aber was zum Teufel ist Jantelov?

Von Katharina Behrendsen

Ganz kurz bleibt mein Herz stehen. "Sorry, I don't speak Danish." Hoffentlich hat der Verkäufer nicht gerade gesagt, dass ich mit meinen Einkaufstüten unbemerkt einen der dänischen Designklassiker vom Regal gefegt habe, die den kleinen Laden auf der Vesterbrogade anfüllen. Dass er vor zehn Minuten Schluss gehabt hätte und eigentlich schon geschlossen ist, übersetzt er. Ohne einen Anflug von Vorwurf. Aber er muss heute schnell los, hat nachher noch ein Konzert mit seiner Band, sagt er kleinlaut. Noch ein bisschen kleinlauter fügt er was von 43-Stunden-Woche hinzu. Dabei sieht er so herzzerreißend und gut aus wie eine Mischung aus Rauhaardackel und dem Diet-Coke-Mann. Und dann unterhalten wir uns doch noch zehn Minuten weiter. Über Kopenhagen, wie schön es hier ist, wie gefährlich für meine EC-Karte - und über Musik. Dass ich am Tag zuvor beim Grand-Avenue-Konzert im Tivoli war, die Band am Nachmittag interviewt habe. Er pfeift anerkennend durch die Zähne. "Dicke Fische", sagt er. Nein, er selbst war nicht dort und schafft es, "Mädchenmusik" zu sagen, ohne dass es irgendwie abwertend klingt. Ich frage mich langsam, ob Dänen überhaupt jemals böse oder unhöflich werden.

Und ich habe es, weiß Gott, versucht. Nicht bei dem lieben Verkäufer, sondern bei der Band. Eine ganze Liste unangenehmer Fragen hatte ich für Grand Avenue in der Tasche, als ich direkt vom Bahnhof zum Interview hastete. Warum man sich zum Beispiel ausgerechnet U2 und Coldplay als Vorbild nimmt. Wie uncool. Ob epischer, emotionsgeladener Rockpop nicht over ist. Und ob das ganze Unterfangen nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sei, weil dänische Bands außerhalb Dänemarks einfach nie, nie, nie Erfolg haben.

Gut, dass ich die Jungs von Grand Avenue beim Zusammenstellen der Fragen noch nicht kannte. Ich hätte wahrscheinlich nur noch den Kuschelkurs fahren können. Denn sie kriegen einen, die Dänen. Mit ihrer gänzlich unamerikanischen Nettigkeit. Und damit, dass sie einfach so sind, wie sie sind. Auch wenn das im Falle von Frontmann Rasmus Walter-Hansen schon mal heißen kann: peinlich berührt und - so gar nicht Rockstar - rot wie eine Tomate. Als der Sänger nämlich zum gemeinsamen Abendessen erscheint und seine Sitznachbarin rausposaunt, dass es hier plötzlich nach Klostein schnüppert. Hüstel. "Vielleicht meine Salbe? Ich habe da was am Rücken", versucht Walter-Hansen zu erklären. Nein, noch kein Rheuma mit 29, hingefallen sei er - aber als er das T-Shirt einen Spaltbreit anhebt, trägt er einen Nierenschützer drunter, der auch auf der Geschenkeliste "Für Oma zu Weihnachten" stehen könnte. Und am Ende war's das nicht mal, sondern sein Kaugummi.

So viel Uneitelkeit hat im Dänischen sogar einen Namen: Jantelov. "Das ist ein ungeschriebenes Gesetz in Dänemark", erklärt Walter-Hansen. "Du darfst nicht zu viel von dir selbst halten. Vor allem darfst du nicht denken, dass du besser als jemand anderes wärst. Du läufst hierzulande nicht durch die Gegend und erzählst, dass du dich für die fucking best band in the world hältst. Mach das in Dänemark, und du kannst sicher sein, das die Leute dich dafür hassen werden!"

So, so. Aber schicken sich Grand Avenue nicht gerade an, das nächste dicke Ding zu werden? Und Selbstüberschätzung gehört im Rockzirkus doch auch irgendwie dazu. "Ach", meint Walter-Hansen ,"Dänemark ist echt zu klein, um einen Unterschied zu machen zwischen berühmt und nicht berühmt. Das lässt sich mit dem Berühmtsein in anderen Ländern gar nicht vergleichen - und ist total super, weil du in Ruhe gelassen wirst." Man glaubt's ihm aufs Wort. Schließlich war Rasmus Walter-Hansen eine ganze Weile lang der Freund von Supermodel Helena Christensen. Und wie Rockstar-Model-Pärchen in anderen Teilen der Welt auf die Pelle gerückt wird, ist ja seit Kate Moss und Pete Doherty hinlänglich bekannt.

"Aber sie war nicht unsere Managerin", stellt der Grand-Avenue-Kopf eine verbreitete Behauptung klar. "Da hätte Helena auch bestimmt gar keinen Bock drauf gehabt. Wir haben unser Ding gemacht, sie ihrs, und nebenbei waren Helena und ich zwei Jahre ein Paar. Das war auch schon alles."

In anderer Hinsicht, nämlich in musikalischer, würde das smarte Vierergespann aber einen Teufel tun, so tiefzustapeln. Dass noch nie eine dänische Band den großen internationalen Durchbruch geschafft hat ... pfff. Muss ja nix mit Grand Avenue zu tun haben. "Wir klingen doch kein bisschen dänisch. Wir wollen internationalen Sound", wischt Gitarrist Niels-Kristian Bærentzen Zweifel einfach weg. "Deswegen nehmen wir uns ja Produzenten, die nicht aus Dänemark kommen. Wir haben schon mit einem Amerikaner zusammengearbeitet und mit einem Briten", führt Walter-Hansen fort. "Die können mir wenigstens sagen, wenn ich was falsch ausspreche. Ein Akzent beim Sprechen ist ja okay, aber wenn ich singe, will ich nicht wie ein ,Scando' klingen."

Fürs neue Album "The Outside", das nach vier Jahren rein dänischer Grand-Avenue-Euphorie Grenzen sprengen soll, ging die Band mit Richard Rainey ins Studio. Der hat als Produzent U2 zu zahlreichen Grammys verholfen. "Klar haben wir ihn auch wegen seiner Verbindung zu U2 ausgesucht", erzählt Walter-Hansen. "Aber", fällt Bassist Marc Stebbing ein: "Der U2-Teil: Das sind wir. Er wollte die ganze Zeit, dass es weniger nach U2 klingt." Verstanden, U2-Bashing ist in Gegenwart von Grand Avenue nicht angesagt. Aber muss man gleich kopfüber ins Referenzbecken hechten und auch noch wie Coldplay klingen? "Ich denke, es sind vor allem Journalisten, die Coldplay hassen", sagt Bærentzen. "Die sind halt schnell gelangweilt, gieren immer nach Neuem. Na ja, sollen sie mal. Schließlich gibt es neue Hypebands am laufenden Meter - aber ein guter Song bleibt immer noch ein guter Song. Und Coldplay schreiben gute Songs." Gut. Ein Standpunkt. Geklärt. Alles immer noch friedlich.

Erst bei der Frage, welches Vorurteil über die Dänen denn wirklich stimmt, fängt es an zu brodeln. Alle reden plötzlich durcheinander. "Manchmal machen wir Dänen aus einer Mücke einen Elefanten, wollen jedes noch so kleine Thema ausdiskutieren." - "Alles kann hierzulande ein bisschen zu kuschelig werden." - "Häh, ist das jetzt nicht das Gegenteil von dem, was ich ich gerade gesagt habe?" Es geht hoch her. Nur: Unhöflich ist hier immer noch keiner geworden.

Das überlässt man in Dänemark dann wahrscheinlich doch lieber den deutschen Touristen.

Im Designshop reiße ich mich schweren Herzens von meinem Dackelblick-Modellook-Verkäufer los. Um keinen allzu schlechten Eindruck zu hinterlassen, kaufe ich schnell eine Kette, von der ich - im Kopf überschlagend, man hat hier noch Kronen - glaube, dass sie nicht so teuer ist. Als ich auf die Vesterbrogade trete, baumelt um meinen Hals die Silhouette eines Vögelchens aus Plexiglas. Eine kullerrunde Friedenstaube, die mein Konto ungefähr eine Woche später mit unvermutet schlanken 17,17 Euro belasten wird. Eine schöne Überraschung aus Dänemark. Aber längst nicht die größte in diesem Herbst.

(Quelle: u_mag)